Zerstören Helikopter-Eltern das Selbstbewusstsein ihrer Kinder?

Viel mehr als früher beschützen Eltern ihre Kinder. Viel mehr als früher loben sie sich, und loben und beschützen ist an sich nicht verkehrt. Allerdings macht auch hierbei die Dosis das Gift. Kinder, die überhaupt keine Unterstützung bekommen, um die sich überhaupt nicht gekümmert wird und die keinerlei Wertschätzung und Anerkennung bekommen, leiden darunter meistens langfristig. Deshalb ist es leicht zu verstehen, dass Eltern, die es gut mit ihren Kindern meinen, nun genau das Gegenteil tun: Sie behüten ihre Kinder, und meistens tun sie das im Übermaß.

Ich spreche nicht von den Eltern, die noch den 18-jährigeh Sprössling jeden Morgen mit dem Auto in die Schule fahren, damit er auch wirklich hingeht und ihm unterwegs nichts passiert. Auch nicht jenen, die lieber stundenlang vor einem Vokabeltest mit dem Nachwuchs büffeln anstatt zu riskieren, dass er mit einer schlechten Note nach Hause kommt. Und auch nicht von jenen, die ihren Kindern alle Anstrengung annehmen, sie vor jedem Frust bewahren, Konflikte an ihrer Stelle für sie lösen oder für sie in die Bresche springen. So eine Mutter hatte ich mal am Telefon. Ihre Tochter und meine Tochter hatten Streit. Sie war der Überzeugung, meine Tochter hätte ihre Tochter anderen Freundinnen gegenüber benachteiligt, die anderen vorgezogen, darunter litt ihr Kind, und nun wollte sie mich dazu bewegen, mit meiner Tochter zu reden, damit dies sich bei ihrer Tochter entschuldigt. Eine Stunde und tausend Sätze später war ich immer noch klug aus der Geschichte geworden. Ich fragte also meine Tochter, die mir etwas ganz anderes erzählte. Und wir Mütter, wie waren nicht dabei. Wie also hätte ich nun Partei ergreifen und mich einmischen sollen? Und Partei für wen? Und selbst wenn die Mädchen einen Konflikt miteinander hätten – sollten sie nicht in der Lage sein, ihn gemeinsam zu lösen, ohne Einmischung ihrer Mütter? Genau das gab ich meiner Tochter mit auf den Weg.

Die andere Mutter war damit aber überhaupt nicht zufrieden. Wieder rief sie an, wieder regte sie sich auf, wieder fand sie das Verhalten ihrer Tochter gegenüber verletzend, traumatisierend, man schließe sie aus und so weiter. Am Ende brach ich das Gespräch recht abrupt ab.

Was aber geschieht mit einem Kind, wenn seine Mutter sich so in die Bresche wirft? Es macht verschiedene Erfahrungen:

  • Mama löst meine Probleme, ich habe Rückendeckung
  • Mama löst meine Probleme, das heißt, ich kann es wahrscheinlich nicht alleine
  • Mama engagiert sich so sehr, das muss sehr schlimm gewesen sein
  • Mama engagiert sich so sehr, ich muss etwas ganz Besonderes sein und besonders schützenswert
  • Mama engagiert sich so sehr und macht sich so viele Sorgen, das muss ich irgendwie wieder gut machen

 

Das Gleiche gilt, wenn Eltern sich intensiv um die schulischen Leistungen ihrer Kinder kümmern, dafür sorgen, dass sie intensiv lernen, um das Gymnasium zu schaffen, auch wenn die Begabung nur knapp ausreicht und es jahrelangen Stress für die Kinder bedeutet, mit den Klasse mitzuhalten. Es gilt auch, wenn Eltern Kinder immer trösten, es schrecklich finden, wenn das Kind sich das Knie aufschlägt, es kaum aushalten, wenn das Kind mal krank ist und fiebert oder Schmerzen hat.

 

Kinder lernen, dass sie besonders empfindliche Wesen sein müssen, die vor der Welt beschützt werden sollen. Sie erleben sich dadurch als schwach und gleichzeitig als etwas ganz besonders Wertvolles. Das ergibt für die Persönlichkeitsentwicklung einen argen Konflikt. Heraus kommen häufig junge Menschen, die es einerseits ganz normal finden, wenn alle anderen für sie da sind und die Welt sich um sie selbst dreht, andererseits genau spüren, dass sie alleine nicht klar kommen. Leben sie dann in einer Studenten-WG, wo es auch mal kracht, wenn die Küche nicht aufgeräumt ist, kommen sie in große seelische Nöte. Denn sie haben weder gelernt, sich um alle praktischen Dinge selbst zu kümmern, noch Konflikte selbst zu lösen, und die Eltern sind nicht da, um zu helfen.

 

Deshalb: Mute deinen Kindern zu, dass sie auch mal scheitern. Lass sie Dinge selbst machen, auch wenn sie noch nicht gleich klappen. Lass sie auch Bäume klettern, selbst wenn sie sich dabei vielleicht einmal etwas brechen könnten (passiert aber selten, weil Kinder, die regelmäßig klettern, dabei eine gute Geschicklichkeit entwickeln). Lass sie Streitigkeiten lösen und ermutige sie dazu, es zu machen. Gib ihnen nur so viel Taschengeld, dass sie gut damit haushalten müssen und früh motiviert sind, sich einen Job zu suchen. Und halte es aus, wenn sie dir vorwerfen, dass andere Kinder es viel besser hätten, weil ihre Eltern ihnen alles Mögliche abnehmen.