Lebst du oder erzählst du Geschichten?

Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält.

Das habe ich vor ein paar Tagen auf Facebook geschrieben. Was meine ich damit?

Natürlich erleben wir Dinge, die wir auch als Geschichten bezeichnen könnten. Und die, aneinander gereiht, die Lebensgeschichte ergeben.

Gleichzeitig wissen wir: Was geschieht und was darüber erzählt wird, ist nicht deckungsgleich. Oder, metaphorisch gesprochen: Die Landkarte ist nicht identisch mit der Landschaft. Je nachdem werden auf der Karte die Höhenunterschiede herausgehoben, oder die Siedlungen, vielleicht auch politische Grenzen oder der Landschaftstyp: Wald, Wiese, Gletscher.

Schon nach einem einfachen Autounfall erzählen mehrere Zeugen ganz unterschiedliche Geschichten. Und die wissenschaftliche Forschung hat ganz klar herausgefunden, dass das damit zu tun hat, dass wir in dem Moment nicht nur unterschiedliche Ausschnitte aus dem Unfall wahrnehmen (bitte beachte das Verb: wahr-nehmen) und andere Ausschnitte nicht, sondern dass wir aus den Ausschnitten gleichzeitig ein neues Ganzes machen. Wir ergänzen unser inneres Bild um Puzzlestücke, die dazu passen, vielleicht aber in der Situation gar nicht vorhanden waren. Oder wir blenden welche aus, die vorhanden waren, aber die nicht zu unserem Bild und unseren Erwartungen passen.

Danach wird das innere Bild ständig überarbeitet, mit anderen Erfahrungen abgeglichen, dem angeglichen, was andere erzählen oder was wir über den Unfall in der Zeitung gelesen haben. Das Bild verändert sich. Eine Zeugenaussage einen Monat nach dem Unfall unterscheidet sich krass von einer, die direkt nach dem Unfall aufgenommen wurde – von der gleichen Person wiedergegeben. Ausnahme: Wir schreiben direkt nach dem Unfall ganz detailliert auf, woran wir uns erinnern und lesen das immer wieder. Dann haben wir lediglich die allererste Verfälschung der Realität in unserer Geschichte und sie ist der Wahrheit vermutlich näher als eine Geschichte, die wir Monate später erzählen.

Wenn du Menschen zuhörst, die über ihr Leben erzählen, wirst du feststellen, dass sie nicht nur immer die gleichen Geschichten berichten (vielleicht 10 oder 20 verschiedene, besonders gut zu beobachten bei alten Menschen), sondern häufig auch den gleichen Wortlaut dabei verwenden. Es scheint, als sei das ganze Leben in diese Geschichten eingeschmolzen, als befinde sich die Essenz dieses Lebens in diesen Geschichten. Den ganzen Krieg über haben wir gehungert. Meine Mutter hat mich nicht geliebt. Ich war immer unerwünscht. Ich hatte immer Glück. Bei den Mädchen hatte ich noch nie Glück. Der oder die hat mein Leben zerstört. Und dann werden bestimmte Ausschnitte aus diesen Erfahrungen berichten, die die Kernaussage untermauern.

Natürlich sind auch diese Geschichten und Aussagen Interpretationen. Die Erinnerungen sind den gleichen Verfälschungen unterworfen wie alle anderen Erinnerungen auch. Da wir diese Geschichten und ihre Kernaussagen aber GLAUBEN, also für die objektive Realität halten, werden die Erinnerungen in die Richtung verfälscht, die unsere Überzeugung verstärken und gefühlt „beweisen“. Aus der Zeit mit der Mutter, die „nicht geliebt“ hat, werden einige Situationen erinnert und meist dramatisiert, die genau das bestätigen. Andere Situationen werden vergessen oder verfälscht, ausgeblendet und so weiter. Das gilt für negative genauso wie für positive Erinnerungen und Geschichten.

Nun könnte man sagen, wunderbar, dann kann sich jeder sein Leben so hinstricken, wie es ihm gefällt. Wäre es nur nicht so, dass viele Menschen genau unter ihren Geschichten so leiden! Es geht einem nicht gut, wenn man überzeugt ist, man hätte die schrecklichste nur vorstellbare Kindheit gehabt oder sei als Kind nie (!) geliebt worden. Es geht einem nicht gut, wenn man überzeugt ist, „XY war der Mann meines Lebens“ (der ist aber gestorben), weil man sich dann nicht mehr neu verlieben kann und im Trauern verbleibt, anstatt sich nach einer Weile wieder für das Leben zu öffnen. Und weil wir die Geschichten für die Wahrheit halten, kommen wir nicht auf die Idee, sie zu hinterfragen, zu schauen: Was machen diese Geschichten mit mir, welche sind gut für mich („ich war schon immer ein Glückskind:….“) und welche nicht („es gibt einfach niemanden, der mein Talent erkennt….“), so dass ich sie hinterfragen sollte. Denn dann kann ich versuchen, in der Gegenwart (also meinem echten und heutigen Leben!) etwas auszuprobieren, das meine Geschichte auch verändern darf. Ich kann Neues probieren, offen sein für andere Erfahrungen und etwas, das meine Geschichte vielleicht nach und nach transformiert.

Das lohnt sich doch, oder?