Dualseelen – Zwillingsseelen – was sagt die Psychologie dazu?

Es passiert einige wenige Male im Leben: Man trifft einen Menschen und spürt auf den ersten Blick oder bei den ersten Worten eine ganz starke Verbindung. „Es ist, als würden wir uns schon ewig kennen“, beschreibt das gut. In der spirituellen / esoterischen Literatur lesen wir in diesem Zusammenhang von Zwillingsseelen oder Dualseelen. Die Idee dahinter ist folgende: Es gebe auf der Welt eine so verwandte Seele, dass die Vereinigung beider (zum Beispiel in einer Beziehung) aus zwei unvollständigen – aber in der Tiefe der Seele verwandten – Teilen ein komplettes Ganzes ergebe. Die Aufgabe beider Teile besteht darin, einander zu finden, um das Ganze zu ergeben.

Das klingt erst einmal schön. Paradiesisch, jemanden zu finden, mit dem zusammen wir komplett werden, der das hat, was wir nicht haben, so ins Geschehen eingreift, wie wir es nicht können und gleichzeitig das braucht und nicht kann, was wir können, so dass wir gemeinsam komplett, erfüllt, rund sind. Nach dem Gefühl von Ganzheit sehnen wir uns alle. Das ist normal.

Ich bin für Spiritualität keine Expertin. Davon gibt es andere, auch wenn viele von denen, die „wissen“, wie es ist mit der Seele und dem Sinn und dem Großen Ganzen, sich in vielen Punkten widersprechen. Bleiben wir also bei dem, was aus psychologischer Sicht zu sagen ist, sozusagen „down zu earth“.

Verstehen wir die Idee, zwei Menschen könnten von Natur aus zwei Bruchstücke eines großen Ganzen sein, als „Wahrheit“, führt sie uns zwangsläufig in eine Beziehungsrealität, die von gegenseitiger Abhängigkeit geprägt ist: „Zusammen sind wir ganz, ohne dich bin ich ein Bruchstück und unerfüllt, dich zu finden und mit dir zu sein ist Lebenssinn, ohne dich zu sein beraubt mein Leben aber seines Sinnes.“ Das ist die Basis, auf der eine Beziehung steht, die sagt: „Der Mensch, mit dem ich zusammen bin, ist der andere Teil meiner Seele.“ Viele Beziehungen gründen auf dieser Idee, auch solche, bei denen die Beteiligten nicht von Zwillingsseelen sprechen. Sicher kennst auch du Menschen, die sich ohne ihren Partner hilflos und unvollkommen fühlen und die sich nicht vorstellen können, dass ihr Leben ohne diesen Menschen einen Sinn ergibt. Die nur durch den anderen sind.

Diese Form von Abhängigkeit zeigt an, dass wir Bindungsmuster aus einer sehr frühen Kindheit wiederholen: Nämlich die eines kleinen Kindes. Für dieses Kind ist es Realität, nicht ohne den geliebten Menschen leben zu können. Ein Baby ist ohne die sorgenden Bezugspersonen aufgeschmissen und dem Tod geweiht. Erwachsene, die mit dieser Haltung in eine Partnerschaft gehen und diese wieder verlieren, versuchen ja manchmal anschließend wirklich, sich das Leben zu nehmen. Sie sind in einer ganz kleinen kindlichen Haltung, fühlen sich wie ein Baby, aber nicht wie ein Erwachsener.

Was sagt uns das? Jeder Mensch trägt in sich viele kindliche Anteile. Diese Anteile lassen uns im Schwimmbad eine Bombe vom Einser machen, ausgelassen sein, beim Slapstick lachen, verrückte Dinge tun – das ist gut. Manchmal sind diese inneren kindlichen Anteile aber nicht fröhlich und lebendig, sie sind verletzt, bedürftig, sie tragen alte Wunden oder leiden immer noch daran, dass wichtige Bedürfnisse früher nicht erfüllt wurden. Machen wir uns in einer Beziehung seelisch ganz abhängig vom anderen (nämlich subjektiv, und das ist es, was in diesem Fall zählt), re-inszenieren wir die alte Beziehung (wir als Kleinkind) zu einer frühen wichtigen Bezugsperson – in der Hoffnung, der Partner oder die Partnerin möge es besser machen als die Eltern damals. Wir vertrauen uns mit allen Bedürfnissen diesem Beziehungspartner an.

Nun, magst du denken, das ist doch nicht schlimm – es spricht doch für mich, wenn ich mich anvertraue. Ja und nein. Einerseits ist es gut zu vertrauen. Aber dieses Vertrauen ist übertrieben, weil es unterschwellig Erwartungen transportiert: Ich vertrauen mich dir mit meinen Bedürfnissen an, und ich möchte, dass du sie befriedigst und erfüllst. Es bedeutet also: Ich glaube (bewusst oder unbewusst), dass meine Zwillingsseele allen alten Schmerz wieder gut machen kann.

Dass Erwartungen immer den Keim der Enttäuschung in sich tragen, weißt du sicher. Denn bekommen wir nicht, was wir erwarten, sind wir enttäuscht. Heißt, die Täuschung, der wir unterlegen sind, was die Möglichkeiten oder die Bereitschaft des anderen angeht, bricht in sich zusammen. Meistens sagen wir dann aber nicht: ok, ich habe zu viel erwartet. Sondern wir klagen den anderen an, uns nicht zu geben, was wir brauchen und was wir von ihm erwarten, und wir glauben, dass der Schmerz, den wir gerade fühlen, durch den anderen ausgelöst wurde. Wir merken nicht, dass es ein alter Schmerz ist, der des kleinen Kindes von früher, für den der andere gar nichts kann – und den er wahrscheinlich selbst beim besten Willen auch nicht vollständig lindern kann.

Das ist das Drama solcher Beziehungen. Sie lassen die Beteiligten für eine Zeit lang im siebten Himmel schweben, weil sie sich „heil“ fühlen (Täuschung!). Umso schlimmer fühlt sich der Absturz an, umso schlimmer werden die Vorwürfe – schlimmer als in Beziehungen, in denen man sich viel vom anderen wünscht aber nicht alles erwartet.

Was hat es aber nun auf sich mit diesen Begegnungen, bei denen wir denken, wow, der andere ist mir so vertraut als würde ich den schon immer kennen? Warum fühlen wir uns von manchem besonderen Menschen wie magisch und ganz selbstverständlich angezogen?

Aus psychologischer Sicht geschieht das, wenn sich zwei Menschen begegnen, die mit (fast) identischen Strukturen und Persönlichkeiten unterwegs sind. Also Menschen, die die gleichen Themen teilen, und zwar sowohl solche, mit denen beide im Reinen sind, als auch solche, mit denen beide (spiegelbildlich) im Unreinen sind. Sie sehen dann im Anderen die Verheißung auf perfekte Passung und damit automatisch auch Heilung (Täuschung!). Während diese Täuschung ein bis zwei Jahre trägt und das Gefühl von nie vorher gefühlter Erfüllung bringt, ist Heilung nicht unmöglich. Sie bedarf aber sehr intensiver gemeinsamer Arbeit. Meist geschieht diese Arbeit aber nicht, weil die Partner sich darauf verlassen, dass die Liebe reicht und das Richtige von alleine geschieht, durch das Sich-Gefunden-Haben. Das führt zu bisher nicht erlebten Auseinandersetzungen und häufig tiefster Verzweiflung. Nichts ist auf die Dauer anstrengender als eine solche Beziehung, und häufig ist die Anstrengung und der damit verbundene Schmerz so groß, dass sich die Partner wieder trennen, trotz der starken Liebe, die sie verbunden hat.

Ich möchte damit nicht sagen: Tut euch nicht mit dem Menschen zusammen, mit dem ihr diese starke Passung fühlt. Ganz im Gegenteil. Diese Beziehungen haben das größte Potential. Es braucht aber viel Achtsamkeit und vor allem gute Methoden, um dieses Potential zur Entfaltung zu bringen und nicht in einem schlimmen Machtkampf um kindliche Bedürfnisse auf beiden Seiten zu enden.

Nun kann man endlos darüber schreiben, wie das gelingt. Ich empfehle seit Jahren immer wieder ein hervorragendes Buch, das dabei hilft und anleitet. Es ist von Harville Hendrix und Helen LaKelly Hunt und heißt: „Liebe einfach – und deine Partnerschaft blüht auf.“ Es hilft Paaren, sich gemeinsam zu entwickeln und sich gemeinsam bei der Heilung zu unterstützen. Ich lege es jedem Paar ans Herz, das eine intensive Partnerschaft führt (egal ob gerade glücklich oder im Kriegszustand) oder eine solche führen möchte.