Wenn Kinder ihre Eltern schlagen

Schon wieder die Bildzeitung. Ob ich zu dem Thema ein Interview geben kann? Klar. Die kommen auf spannende Themen, zugegeben. Denn das Phänomen ist nicht selten, aber ganz häufig ein Tabu. Oder triffst du häufig Eltern, die sich beim Elternabend darüber beklagen, dass sie von ihren Kindern geschlagen werden? Eher nicht. Sie sprechen über Konzentrationsprobleme, verschwundene Turnbeutel, nicht gemachte Hausaufgaben, allgemeine Unordnung und darüber, dass die Kinder nur noch vor dem Handy und dem Computer sitzen wollen.

Aber es ist ein Phänomen, das viele Eltern kennen: Eine Zeitlang, aber mache auch dauerhaft. Was hat es damit also auf sich?

Wenn Kinder in die Trotzphase kommen, also etwa ab dem Moment, in dem sie sich nicht mehr „Fritz“ oder „Marie“ nennen, sondern „ich“, beginnen sie zu merken, dass sie sich von den anderen unterscheiden. Dass sie „jemand“ sind, mit eigenen Interesse, und dass diese Interessen manchmal anders sind als die Interessen der anderen Familienmitglieder oder Spielkameraden.

Nun gilt es, Grenzen auszutesten und zu probieren, im Supermarkt doch die Gummibärchen zu kriegen oder das Spielzeug, das gerade der Bruder hat, oder den Spinat nicht probieren zu müssen, nicht in den Kindergarten zu müssen. Kein Lebensbereich, in dem nicht getestet wird, wie weit man gehen kann. Dazu nutzen Kinder alle Mittel, die ihnen zur Verfügung stehen: Charme, Betteln, Schreien und manchmal auch Schlagen.

Der Grund dafür ist nicht, dass diese Kinder ihre Eltern verletzten oder schlagen möchten. Sie probieren aus, ob die Eltern sich umstimmen lassen und versuchen dafür Verschiedenes. Das was erfolgreich ist, also dazu führt, dass es doch noch ein Stück Schokolade oder eine Film gibt, wird verstärkt und künftig häufiger verwendet.

Geben die Eltern nach, wenn Kinder sie schlagen, werden sie panisch oder unsicher, setzen sie sich eine Stunde mit dem Kind hin und erklären ihm, warum Schlagen nicht gut sei, ist das unbewusst ein Erfolgserlebnis: Ich haue die Mama, und sie nimmt sich eine Stunde Zeit für mich. Kinder in diesem Alter reflektieren das nicht bewusst – „Erfolge“ wirken als biologische Verstärker. Verhaltensweisen werden dadurch mit positiven Gefühlen verknüpft und verstärken sich automatisch.

Erst einmal scheint es also, als würden Kinder versuchen, so viel zu kriegen wie es geht. Das kann man verstehen. Aber eigentlich geht es ihnen in der Trotzphase (3-5 Jahre) darum zu erfahren, wo ihre Grenzen sind. Da, wo die Eltern klar machen, hier geht es nicht weiter, das geht nicht, da lasse ich dich nicht hin, da finden die Kinder eine Grenze. Grenzen geben Sicherheit, wie ein Geländer, das zeigt, wo der Gebirgspfad gefährlich ist. Während Kinder also an der Oberfläche probieren, mehr Freiheit und Bestimmen-Dürfen zu bekommen, suchen sie eigentlich nach dem Punkt, an dem das „Nein“ unverrückbar ist. Selbst wenn sie dann in der Sache nicht damit einverstanden sind.

Viele Eltern sind verunsichert, wenn ihre Kinder sie schlagen. Sie trauen sich nicht, die Kinder fest bei den Händen zu nehmen, ihnen in die Augen zu schauen, ihnen klar und bestimmt „Nein! Du schlägst mich nicht!“ zu sagen und sie augenblicklich vom Fernseher, aus dem Supermarkt oder wovon auch immer wegzubringen. Tun sie das, merkt das Kind (unbewusst) sehr schnell, aha, das bringt nichts als Ärger und Verzicht, das Schlagen verschwindet nach kurzer Zeit wieder.

Nur wenn Eltern hier unklar sind, kann es sich verfestigen. Während Kinder, die klare Grenzen bekommen, nach der Trotzphase und bis zur Pubertät die Autorität (damit meine ich nicht die Macht, sondern die Tatsache, dass Eltern in bestimmten Bereichen bestimmen und entscheiden) der Eltern akzeptieren, hören bei den anderen die Machtkämpfe nicht auf, und mit fortschreitendem Altern nehmen sie zu. Kinder, die in der Trotzphase schlagen „durften“, tun das häufig weiter oder fangen in der Vorpubertät oder der Pubertät wieder damit an. Wenn sie dann entsprechende Körperkräfte besitzen, sind die Eltern in der Bredouille.

Das Motto lautet also: Gleich eingreifen, das Verhalten stoppen (das geht, Eltern sind ja stärker als ihre Kinder und können durch Festhalten verhindern, dass diese weitermachen), damit es sich nicht verfestigt.

Nun gibt es noch zwei andere Szenarien: Manche Kinder rasten in der Pubertät irgendwann einmal gegenüber den Eltern aus und schlagen zu. Meist den schwächeren Elternteil, wenn dieser nicht akzeptiert wird – was in der Pubertät die Regel ist und zum Abkoppeln dazu gehört. Meistens sind diese Ausbrüche einmalig, das Kind spürt trotz seiner Wut, dass es eine Grenze überschritten hat und beherrscht sich künftig.

In Familien, in denen Gewalt häufig ist, stellen sich Kinder in der Pubertät häufig zwischen die Parteien. Das ist der Fall, wenn der Vater die Mutter schlägt, das Kind das weiß und hilflos und verzweifelt daneben steht, bis es eines Tages feststellt, dass es in Sachen Körperkräfte dem gewalttätigen Elternteil gewachsen ist. Dann kommt es häufig vor, dass sich ein Sohn vor die Mutter stellt und den Vater angreift, damit dieser die Mutter künftig in Ruhe lässt.

Kinder, die ihre Eltern regelmäßig schlagen, über längere Zeit, auch wenn die Trotzphase schon vorbei ist, oder die nur deswegen nicht mehr schlagen, weil ihre Eltern ihnen in allem nachgeben, brauchen psychologische Unterstützung. Schleunigst.