Wenn Kinder nicht gegen die Wand rennen

Kinder rennen gegen die Wand? Das ist normal. Als die Erziehungsmethoden autoritär und unerbittlich streng waren, sind Kinder gegen die Wand gerannt, um sie einzurennen. Früher oder später ist ihnen das gelungen.

Als die Erziehungsmethoden dann anti-autoritär wurden, hat sich nur der Grund geändert, aus dem Kinder gegen die Wand gerannt sind: Sie wollten irgendwo ankommen, wissen, dass es irgendwo etwas Stabiles gibt.

Viele Kinder tun das heute immer noch. Aber es gibt immer mehr Kinder, die nicht einmal mehr wissen, dass man irgendwo ankommen kann. Sie kennen keine Grenzen mehr, sie merken oft gar nicht, dass da noch jemand ist und haben kaum mehr ein Gefühl für ihr Gegenüber. Sie stehen so auf dem Bahnsteig, dass niemand vorbei kommt und merken auch nicht, wenn sich ein altes Mütterlein vorbeiwindet und dabei fast auf die Gleise fällt. Wenn sie älter werden, parken sie gleich zwei Behindertenparkplätze zu, sie essen ganz selbstverständlich drei Stück Kuchen, obwohl für 4 Leute nur 6 Stücke da sind.

Wenn Kinder nicht mehr gegen die Wand rennen, ist das also nicht unbedingt ein gutes Zeichen. Es kann einfach bedeuten, dass ihnen Richtung und Führung fehlt und das Bewusstsein, dass sie in einer Gemeinschaft leben, in der jeder von jedem abhängt. Damit das klappt, brauchen wir Mut zur Erziehung. Einen guten Ausgleich zwischen Zutrauen, Grenzen setzen und Freiheiten lassen.