Die schlimmste Form von Gewalt…

… ist nicht die sexuelle Gewalt. Das bedeutet nicht, dass ich diese verharmlosen möchte. Ganz im Gegenteil. Ich bin der Überzeugung, es wird viel zu wenig für Menschen getan, die sexuelle Gewalt erlitten haben. Oder eine andere Form von schlimmer körperlicher Gewalt. Dennoch gibt es eine Form von Gewalt, deren Folgen noch schlimmer sind. Diese Gewalt ist fast unsichtbar. Und doch existiert sie überall in unserer Gesellschaft. In jeder Schicht und in vielen Beziehungen.

Ich spreche von Nicht-Beachtung. Also das komplette Ignoriert-Werden innerhalb einer Beziehung. Manch einem wird da ein Elternteil einfallen, der einen, wenn man was ausgefressen hatte, tagelang nicht angeschaut und nicht mit einem geredet hat. Das ist eine Form, in der Nicht-Beachtung auftritt: Man wird behandelt wie Luft. Eine andere ist subtiler. Da wird mit einem geredet, aber niemand interessiert sich wirklich für einen. Und ich bin sicher: Wenn du das liest und es dir ein wenig im Kopf herum gehen lässt, fällt dir jemand ein, der darin gut ist: Scheinbar zu beachten, aber ohne jegliches Interesse für die wirkliche Person?

Wenn Kinder in einer Atmosphäre aufwachsen, die von dieser Art des Umgangs geprägt ist, entwickeln sie komplexe Trauma-Folgestörungen. Also genauso wie jene Kinder, die sich immer wieder vor körperlicher oder sexueller Gewalt fürchten mussten. Die Folgen für die Psyche sind identisch! Das finde ich sehr aufrüttelnd. Denn das führt dazu, dass Menschen, die behaupten, eine glückliche Kindheit gehabt zu haben (keine Schläge, gutes Essen auf dem Tisch, immer genug Geld da, die Eltern nicht getrennt, freundlich vielleicht sogar) in Wirklichkeit Erfahrungen gemacht haben, die denen von geschlagenen Kindern entsprechen. Über die sie aber gar nicht reden können, für die sie keinen Trost finden können. Denn von außen betrachtet ist alles in Ordnung.

Unter Friedrich II und während des Nationalsozialismus wurde Nicht-Beachtung experimentell auf die Spitze getrieben – grauenhaft. In den Versuchen wurden Säuglinge mit allem versorgt, was sie körperlich brauchen: Kleidung, Nahrung, der Möglichkeit zum Schlaf. Aber niemand durfte sie anschauen oder mit ihnen sprechen. Und alle dieser Kinder sind innerhalb ihres ersten Lebensjahres gestorben. Totale Nicht-Beachtung überlebt ein Säugling nicht.

Was also tun, wenn Nicht-Beachtung ein so häufiges Phänomen ist und wirkt wie schlimme Gewalt? Beachtung einfordern ist schwierig. Vielen Menschen fällt gar nicht auf, dass ihr Beziehungsstil wenig Beachtung zulässt. Sie können mit einem Hinweis nichts anfangen. Wieso, ich lobe doch, also wo ist das Problem?

Beachtung heißt: Den Menschen anschauen. Das führt dazu, dass wir bemerken, wenn einer eine neue Frisur hat, wenn sich etwas an ihm verändert, das heißt, wir bemerken, dass er nach Hause gekommen ist und begrüßen ihn, wir fragen, wie geht es und wollen es wirklich wissen. Das heißt, wir lassen uns mit einem „ganz gut“ nicht abspeisen.

Beachtung tut gut. Selbst wenn sie ganz am Rand passiert. Ich habe meine Supermarkt-Kassiererin kürzlich mal gefragt, wie sie mit den langen Fingernägeln so schnell tippen kann. Sie hatte nur 10 Sekunden, um es mir zu erklären, aber sie hat sich riesig gefreut! Sie hat wirklich über das ganze Gesicht gestrahlt. Obwohl ich ja gar nichts Besonderes gesagt habe. Mir ist einfach etwas an ihr aufgefallen, und das hat schon gereicht.

Beachtung mehren lohnt sich immer. Und in unserem Freundeskreis nach Menschen Ausschau halten, die ebenfalls Beachtung schenken. Denn das sind die, in deren Gesellschaft wir uns wirklich gesehen und geborgen fühlen. Auch wenn wir sonst gar nichts Besonderes zusammen erleben.

Herzlich, Anke