Warum ich trotzdem großzügig sein will

Vor einiger Zeit hat eine Frau bei mir geklingelt, die ich nicht kannte. Ich wohne im Zentrum, einige Nachbarn kennt man, andere nicht. Sie sagte, sie wohne drei Häuser weiter, nannte ihren Namen und den des Vermieters, zeigte mir ihren Asthmaspray, der sei leer, sie brauche neuen und habe gerade kein Geld zuhause für die Zuzahlung. Naja, dachte ich, den Vermieter kenne ich, die Frau scheint kein Geld zu haben, eine Fahne hat sie auch. Die Sache war mir nicht geheuer, aber ich habe ihr die 6 € gegeben, um die sie mich bat. Sie bringe mir das Geld gleich morgen, wenn ihr Mann von der Schicht zuhause sei, der arbeite bei Firma X.

Am nächsten Tag habe ich nichts von ihr gesehen. Am übernächsten habe ich drei Häuser weiter auf die Klingelschilder geschaut, ihr Name stand nicht drauf. Ok, dachte ich, der bin ich auf den Leim gegangen. Und natürlich kommen dann Gedanken, die sagen: „So was passiert mir nie wieder. Wenn künftig jemand mit der Masche klingelt, braucht der mir nicht mehr zu kommen.“

Vielleicht hast du etwas Ähnliches auch schon mal erlebt?

Aber mal ganz ehrlich: Es gibt ja auch Leute, die wirklich Not haben, die wirklich Hilfe brauchen, die einen damit nicht ausnutzen und denen man mit einer kleinen Geste aus einer echten Patsche helfen kann. Ich erinnere mich an einen Tag als Jugendliche in Paris am Bahnhof. Ich war auf der Rückreise von einem Austauschprogramm, hatte mein Zugticket, es war gültig, aber plötzlich sah ich am Bahnsteig, dass ich einen Zuschlag lösen musste für meinen Zug. Denn hatte ich nicht, und auch die umgerechnet 5 € nicht – ich war pleite, war 15 Jahre alt und hatte damit gerechnet, nach Hause zu fahren und dort mein neues Taschengeld zu bekommen. Ich habe mir das Geld am Bahnhof zusammengebettelt und war heilfroh, dass einige Menschen bereit waren, mir ein paar Francs zu geben – so bin ich zurück nach Hause gekommen.

ich werde weiterhin großzügig sein, auch wenn ich riskiere, hie und da übers Ohr gehauen zu werden.

Die Frau habe ich übrigens eine gute Woche später wieder gesehen. Sie lief an einem Café vorbei, in dem ich mit einer Kollegin saß, ein Asthmaspray in der Hand. Ich bin ihr sofort hinterher gelaufen, habe ihr gesagt, sie schulde mir 6 €, und sie hat sie mir – sichtlich irritiert aber ohne zu zucken – in die Hand gezählt. Sollte dich eine dicke, hellhäutige und hellhaarige Dame mit dezenter Fahne einmal bitten, ihr 6 € für ihre Zuzahlung zu geben, halte dich ruhig zurück – und hilf jemand anderem.

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